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Ende des vorletzten Jahrhunderts veröffentlichte der Philosoph Georgi Plechanow einen Aufsatz mit dem Titel Über die Rolle der Persönlichkeit in der Geschichte in einer Petersburger Zeitschrift. Plechanow, der als erster marxistischer Intellektueller im russischen Zarenreich galt, adressiert darin ein Problem, dem sich die Verteidiger der damals neuen, materialistischen Geschichtsauffassung stellen mussten. Wenn die menschliche Geschichte objektiven Gesetzmäßigkeiten folgt, wie Marx und Engels zeigen wollten, wenn sie bestimmt ist durch die Entwicklung der Produktivkräfte und die gegenseitigen Beziehungen der Menschen im Prozess der Produktion, wie Plechanow meint: Welchen Unterschied macht es dann noch, was Einzelne tun? Sind die gekrönten Häupter, Heerführer und Heiligen, um die sich die Geschichtsschreibung so lange drehte, bloß austauschbare Trägermedien der Kämpfe um den Fortschritt? Ist die Psychologie, sind individuelle Leidenschaften, Eigenarten und Fähigkeiten letztlich bedeutungslos?

Der kanadische Premierminister Mark Carney gilt nicht als feuriger Charakter. Als der Vorsitzende der Liberalen Partei und ehemalige Zentralbanker seine Rede beim diesjährigen World Economic Forum in Davos hielt, nahm er sich aber nicht zurück: »Wir befinden uns mitten in einem Umbruch«, betonte er, »nicht in einem Übergang«. Die regelbasierte liberale Weltordnung sei eine Fiktion gewesen, die den Ausnahmestatus der USA als Supermacht überdeckt hätte. Die Lüge sei nützlich gewesen, solange sie globale Stabilität und Wohlstand brachte und alle wesentlichen Player so taten, als würden sie an sie glauben. Doch das sei nun vorbei. Eine Lüge, auf die sich alle einigen, die davon profitieren: Im Wrestling sagt man dazu »Kayfabe«. Was das ist und was es mit Trumps Politik zu tun hat, erfahren Sie ab Seite 20.

Die alte Weltordnung ist also tot. Wer hat sie auf dem Gewissen? Es liegt nahe, den Namen einer Persönlichkeit in der Geschichte zu nennen: Donald Trump. Der Hegemon USA kündigt unter seiner Führung die Ordnung auf, die zu seinem eigenen Vorteil geschaffen wurde. Ist das bloß irrational? Das lässt sich bezweifeln. Welthistorisch betrachtet setzt Trump eine geopolitische Neujustierung durch, die durch den langen Prozess des ökonomischen Abstiegs der USA im Verhältnis zur vormaligen Peripherie – insbesondere zur Volksrepublik China – notwendig wurde. Trump erscheint dann, wie Julia Werthmann in dieser Ausgabe (ab Seite 26) argumentiert, als geopolitischer Abstiegsmanager, der »aufgrund veränderter Umstände den Übergang vom Imperium zur starken Nation manövriert«. Er wird zudem getrieben von den Kräften, die ihn im Inneren des Landes stützen. Die Basis des Trumpismus ist eine »Koalition der reaktionärsten Fraktionen des amerikanischen Kapitals«, meint Felix Diefenhardt in der Titelgeschichte (ab Seite 14) – und ihr dynamischster Anteil die erst kürzlich hinzugestoßenen Tech-Eliten des Silicon Valley. Das Ergebnis, der real existierende Trumpismus, mag erratisch, gar verrückt wirken (siehe Bernhard Moldens Kolumne auf Seite 10). Grundlos ist es aber nicht.

Diefenhardt plädiert dafür, von Trump zu abstrahieren. Plechanow wäre das ganz recht gewesen: »Die Charaktereigenschaften der Persönlichkeit sind nur dann, nur dort und nur insofern ein ›Faktor‹ der gesellschaftlichen Entwicklung«, so schreibt er, »wann, wo und inwiefern die gesellschaftlichen Beziehungen ihnen erlauben, es zu sein.« Wo Macht in die Hände eines besonders unfähigen Menschen falle, gelte es die Aufmerksamkeit auf die gesellschaftliche Organisation zu lenken, die das erst möglich mache.

Man darf also nicht komplett von den handelnden Personen absehen, wenn man die von ihnen repräsentierte historische Dynamik verstehen will. Aber man soll nicht bei ihnen verharren. Das gilt auch für unsere Gegenwart und sogar dann, wenn die Persönlichkeit in der Geschichte Donald Trump heißt, zugleich psychopathologisch einzigartig und die groteske Verdichtung eines verrückten Weltzustands ist. Der Trumpismus hat die Fiktion der liberalen Ordnung zertrümmert und zugleich gezeigt, dass es etwas noch Schlimmeres als eine Lebenslüge gibt: Eine Lüge, die nicht mehr das falsche Leben trägt, sondern den Tod bekleidet. Diese Ausgabe des TAGEBUCH nähert sich dem morbiden Symptom Trump von vielen Seiten. Denn es gilt in der Politik wie in der Psychologie: Man muss durchdringen, was man hinter sich lassen will.

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