Als Donald Trump vor zehn Jahren damit begann, die Republikanische Partei aufzumischen, war schnell klar, dass es sich bei ihm um einen neuen Politikertypus handelte. Nicht weil alles neu gewesen wäre, was er tat. Gelogen wurde in der Politik auch schon vor Trump, Milliardäre wiederum kauften sich schon lange Einfluss und Ämter, und dass jemand seine in Film und Fernsehen gewonnene Popularität in politische Macht ummünzt, war nach Ronald Reagan, Silvio Berlusconi und Arnold Schwarzenegger auch nicht mehr sonderlich innovativ. Neu war aber die Art, wie Trump sich inszenierte. Seine Reden waren weniger dafür da, kohärente Messages zu kommunizieren, als eine Stimmung zu erzeugen, seine Interviews glichen Kampfansagen, sein Twitter-Account schrie in ALL CAPS. Aufnahmen von Trumps Wahlkampfveranstaltungen zeigen einen Mann, der so lang Slogans in die Menge schleudert, bis einer verfängt – und dann draufbleibt. »Crooked Hillary!« »Lock her up!« »Drain the swamp!« »Build the wall!« Trump heizte sein Publikum an, wollte es zum Johlen und Toben bringen.
Die spektakuläre Mischung aus Gehässigkeit und Groteske, Ekel und Entertainment macht seither Trumps unheimliche Anziehungskraft aus. Man kann ihn lieben, hassen oder fürchten, man kann den Kopf schütteln über die Schamlosigkeit, mit der er seinen persönlichen Narzissmus öffentlich befriedigt, man kann über die Hautfarbe lachen, die affige Frisur – aber man kann sich der Show nicht entziehen. Indem er die ästhetischen und kommunikativen Muster der hohen Politik hinter sich lässt, stellt der Trumpismus Gegner:innen wie Beobachter:innen permanent vor die Frage: Was zur Hölle geschieht hier?
Josephine Riesman hat dazu einen Vorschlag: Vielleicht muss die Antwort auf diese Frage ebenso aus dem üblichen Raster fallen wie das Phänomen selbst. Die US-amerikanische Journalistin begann 2023, im ausklingenden Biden-Interregnum, Trump mit neuen Begriffen zu beschreiben. Die theatralischen Reden und Interviews, in denen er sich zum Größten und Besten aller Zeiten erklärt und seine Gegner erniedrigt? Das sind Trumps Promos. Die Geschichten über seine korrupten und unfähigen Konkurrenten: Storylines. Er selbst: ein Heel. Und das Lügengebäude, das alles zusammenhält, ist Kayfabe. Die Begriffe stammen aus dem Vokabular des professionellen Wrestlings, dieser ur-amerikanischen Form des Unterhaltungsspektakels. Wer es einmal gesehen hat, kann es nicht mehr vergessen: Donald Trump verhält sich nicht wie ein Politiker, sondern wie ein Wrestler. Daraus folgt, so Riesmans These: Wer den Trumpismus begreifen will, muss die Welt des Wrestlings verstehen. Wie ist sie darauf gekommen?
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