N°7/8KULTUR | 01.07.21

Das Paradox der Sichtbarkeit

Wie sieht queeres Leben in postsowjetischen Staaten aus? Kunstprojekte aus der Ukraine und Kirgistan erzählen von Pride und Sichtbarkeit, aber auch von homo- und transphober Gewalt.

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VON NORMA SCHNEIDER

Norma Schneider ist Lektorin und Journalistin. Meist schreibt sie über Kultur und Gesellschaft in Russland und Osteuropa.

So lange ich denken kann, fiel es mir schwer, mich als Mädchen oder Frau zu bezeichnen. Diese Wörter stehen für Merkmale und Anforderungen, mit denen ich mich einfach nicht identifizieren kann. Ich sehe Identität jetzt als ein Spektrum. Jeder Mensch hat zu viele Schattierungen und Nuancen, um mit wenigen Begriffen definiert zu werden. Man kann unmöglich wissen, wie jemand ist.« Margo ist eine der jungen Ukrainer:innen, die für das Kunstprojekt Genderprism ihre Geschichten erzählt haben. Die Online-Installation verbindet Texte, Fotografien und Musik zu acht berührenden Porträts.

Die Teilnehmer:innen verbindet die Erfahrung, anders zu sein, als es zu Hause, in der Schule oder bei der Arbeit erwartet wird. Sie passen nicht in strikte Vorstellungen von Zweigeschlechtlichkeit und Heterosexualität, sondern verstehen sich selbst als queer, nichtbinär, trans oder genderfluid. In ihren Geschichten geht es um die Suche nach der eigenen Identität und darum, wie es ist, nicht in vorgegebene Raster zu passen. Sie berichten, was ihnen Halt gegeben hat und wo sie Ablehnung erfahren haben. Da in der Ukraine, wie in den anderen postsowjetischen Staaten, Homophobie und Transphobie weit verbreitet sind, gehören Diskriminierung und Gewalt zu ihren Erfahrungen. 

Marie Zelda
Foto: Nikita Karimov

Michelle, eine trans Frau aus der kleinen Stadt Sokal in der Nähe von Lviv, berichtet in ihrer Geschichte von den Reaktionen auf ihr Anderssein: »Ich war so etwas wie eine lokale Berühmtheit, aber nicht auf gute Weise. Es gab verschiedene Leute in unserem Dorf, manche waren nett zu mir, zum Beispiel die Eltern meiner Freunde. Und manche dachten, sie müssten mir mit der Armee drohen und sagen, dass sie einen normalen Mann aus mir machen würden.«


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