5| KULTUR | 01.05.21

Was schiefläuft, wer mitläuft

Die Gegenstimme: Das fulminante Romandebüt des österreichischen Dramatikers Thomas Arzt.

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VON ERICH HACKL

Erich Hackl lebt und arbeitet als Schriftsteller und literarischer Übersetzer in Wien und Madrid.

Am 10. April 1938, einen knappen Monat nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht, sollte der »Anschluss« Österreichs an Nazideutschland durch eine Volksabstimmung nachträglich legitimiert werden. Von der Stimmabgabe ausgeschlossen waren etwa acht Prozent der Bevölkerung: 200.000 Juden, 177.000 »Mischlinge« sowie all jene, die bereits als Feinde des neuen Regimes erkannt und verhaftet worden waren: Kommunisten, Sozialistinnen, Monarchisten, führende Politiker und Amtsträger der austrofaschistischen Schuschnigg-Diktatur. Als reichten die terroristischen Maßnahmen noch nicht für eine hohe Zustimmung auf die Frage: »Bist Du mit der am 13. März 1938 vollzogenen Wiedervereinigung Österreichs mit dem Deutschen Reich einverstanden […]?«, aktivierten die nationalsozialistischen Machthaber eine gewaltige Propagandamaschinerie, bedrängten säumige Wahlberechtigte und sorgten durch die plumpe Gestaltung der Stimmzettel – ein großer Kreis unter dem Ja, ein kleiner, an den rechten Rand gerückter unter dem Nein – sowie durch den faktischen Zwang, die Stimme nicht in der Wahlkabine, sondern vor aller Augen abzugeben, für das überwältigende Votum von 99,6 Prozent Ja-Stimmen bei einer ebenso überbordenden Beteiligung von 99,7 Prozent aller Wahlberechtigten.


Thomas Arzt
Die Gegenstimme
Residenz Verlag, 2021, 190 Seiten
EUR 20,00 (AT), EUR 20,00 (DE), CHF 26,90 (CH)

Von diesem Tag und wie ihn eine Ortschaft im oberösterreichischen Kremstal begeht, erzählt der Dramatiker Thomas Arzt in seinem ersten Roman mit großer Bravour, und man weiß gar nicht, was man mehr bewundern soll, seine Menschenkenntnis, sein Sachwissen, seine Fähigkeit, sich in das Romanpersonal hineinzuversetzen und es gleichzeitig von außen zu betrachten, oder die Kunstsprache, in der er es denken und reden lässt, einem floskelhaften Jargon mit mundartlichen Einsprengseln, der an die kritischen Volksstücke in der Tradition Ödön von Horváths und Marieluise Fleißers erinnert und das Widersprüchliche im Handeln und Denken der Menschen zum Vorschein bringt: Grobheit und Feingefühl, Angst und Brutalität, Bauernschläue und Unbehagen.

Beeindruckend ist auch Arzts Vorsatz, die aristotelische Einheit von Raum, Zeit und Handlung einzuhalten, aber durch den ständigen Wechsel von auktorialem Erzählduktus und Figurenperspektive der Leserin erst gar nicht die Gelegenheit zu bieten, sich dem spannungsreichen Geschehen hinzugeben. Die Hetzjagd auf den Einzigen, der es wagt, mit Nein zu stimmen, trägt dämonische Züge, die jedoch nie überhandnehmen. Deshalb versperrt sich der Roman der immer noch weitverbreiteten Auffassung vom Nationalsozialismus als einer irrationalen, klassenindifferenten Herrschaftsform.

Man muss nicht wissen, dass die Gegenstimme vom Großonkel des Autors abgegeben wurde, und es ist eigentlich auch nicht von Belang, dass es sich beim Schauplatz um die Gemeinde Schlierbach handelt, in der Thomas Arzt aufgewachsen ist. Sie ist topografisch genau abgebildet, samt ihren Gaststuben und Geschäften, dem Theatersaal, dem mächtigen Barockstift, den Wäldern und Bergen ringsum… Die intime Kenntnis der Verhältnisse hat dem Autor das Schreiben nicht erleichtert, sondern erschwert, und gerade deshalb sei sie erwähnt.


WÖRTER: 765

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