N°12POLITIK | 30.11.20

Die Überlebende

Noch immer werden in Österreich regelmäßig Frauen von ihren (Ex-)Partnern getötet. Auch Hanife Adaa sollte sterben, aber sie hat überlebt. Heute hilft sie Frauen, sich aus Gewaltbeziehungen zu befreien. 

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VON LENA VON HOLT
FOTOGRAFIE: ILIR TSOUKO
Lena von Holt lebt und arbeitet als freie Journalistin in Wien und Berlin.

Frauen-Helpline: 0800-222-55
Frauennotruf der Stadt Wien: 01-71719
Frauenhaus-Notruf: 057722

Wenn akute Gewalt droht, rufen Sie den Polizeinotruf unter 133 oder 112. Gehörlose und hörbeeinträchtigte Menschen können per SMS an 0800/133 133 Hilfe rufen.

Draußen ist es noch dunkel, als Hanife sich in ihrem Bett aufsetzt. Verschlafen greift sie zu ihrem Handy. Wieder hat eine Frau geschrieben. Hanifes Arbeit beginnt. Die Pläne von der Freiheit werden nachts geschmiedet. Wenn die Realität zerbrechlich wirkt und die Stille der Nacht das Leid des Tages milder erscheinen lässt. Dann fassen sie wieder Mut, weil das Ausbrechen plötzlich möglich scheint. Sie, das sind Frauen, oder Personen, die sich hinsichtlich ihrer Geschlechtsidentität als Frauen begreifen, die den Entschluss fassen, sich von ihrem gewalttätigen Partner zu trennen. Sie schreiben, wenn der Mann neben ihnen im Tiefschlaf ist, oder wenn sie allein sind, weil er gegangen ist, nachdem er seine Wut mit Schlägen an ihnen ausgelassen hat. Auch Hanife Adaa lag früher oft nachts wach. Für sie war es fast zu spät, als sie vor acht Jahren ihren gewalttätigen Ehemann verließ. Heute unterstützt sie mit ihrem Verein Yetis Bacim (Hilf mir, Schwester!) Frauen, sich aus Gewaltbeziehungen zu befreien.

Es braucht lange, bis das Vertrauen da ist, sagt Hanife. Bis die Frauen ihr ihre Adresse geben oder für ein Treffen bereit sind. Für die Frauen, denen sie hilft, ist Hanife vieles: Zuhörerin, Komplizin, Beschützerin, Vorbild, Sprachrohr. Aber vor allem ist sie eines: ihr einziger Weg da raus. 

16. Jänner: 42-Jährige in Ybbs erstochen: Verdächtiger  

festgenommen. 

28. Jänner: Junge Frau ermordet in Floridsdorfer 

Wohnung gefunden. 

4. Februar: Frau in der Obersteiermark getötet: Ehemann 

festgenommen. 

4. Februar: Messerattacke: Zweifache Mutter starb in 

Spital. 

13. Februar: Leiche in Tiroler Unterland gefunden, Polizei 

geht von Frauenmord aus. 

23. Februar: Frau in Oststeiermark getötet, Verdächtiger

festgenommen. 

25. April: 81-Jährige in Oberösterreich erschossen.

12. Mai: 87-Jähriger tötete Ehefrau in Klagenfurt. 

6. Juni: Beide Frauen starben bei Doppelmord in Kärnten

 durch Kopfverletzungen. 

25. Juni: Frau in Tirol erwürgt und in Inn geworfen, 

Ehemann tatverdächtig. 

14. Juli: Mutter (80) erstochen – Sohn festgenommen. 

22. Juli: Mann tötet 64-Jährige und 92-Jährige im 

Burgenland. 

28. Juli: Im Mühlviertel soll ein Mann seine 

Lebensgefährtin getötet haben.

6. August: Frau im Weinviertel erstochen: 88-Jähriger

gesteht die Tat. Ende August: Mord an 81-Jähriger: 

Zahlreiche Spuren gesichert. 

23. September: 55-Jährige in Schwechat erstochen, 

Ehemann tatverdächtig. 

6. Oktober: Frau in Wohnung in Wien-Favoriten 

erschlagen.

2. November: Frau in Wien-Penzing getötet.


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