Scheiß Nazi!

von Marko Dinić

Illustration: Ūla Šveikauskaitė

In Wiener Kaffeehäusern ist es leider nichts Ungewöhnliches, dass man auf prominente Rechtsextreme trifft. Reflexion einer unfreiwilligen Begegnung.


670 wörter
~3 minuten

Dass dies eine Gastronomie und kein politischer Raum sei, entgegnet mir einer der Kellner in einem Wiener Kaffeehaus im 16. Gemeindebezirk auf meinen Einwurf, dass der europaweit bekannte, von rechtsextremen Massenmördern geförderte und vom Verfassungsschutz beobachtete Neonazi Martin Sellner in seinem Lokal sitzt und er selbigem doch bitte die Tür weisen soll; einem Lokal, wohlgemerkt, das, ökonomisch gesprochen, von der gesellschaftlichen Vielfalt des Bezirks, der es beherbergt, nicht nur geprägt wird, sondern auch profitiert – oder will mir jemand weismachen, die Teller in den Wiener Kaffeehäusern werden neuerdings wieder von Mehrheitsösterreichern abgewaschen?

Als nach wiederholter Bitte, den Nazi rauszuschmeißen, meiner Begleitung und mir unterstellt wird, wir seien die eigentlichen Extremisten und die anderen lediglich stille Gäste in einem von jeglicher Politik entkernten Raum, wird die Sache klarer: Der Kellner weiß, welche Gestalt dort in der hintersten Ecke seines Lokals sitzt, und trätiert selbige als »normalen« Gast, eine Rolle, der ein Martin Sellner allein schon wegen seiner Prominenz niemals nachkommen kann. Zugegeben, ich hätte beim Verlassen des Lokals auf mein laut in den Raum gebrülltes »Scheiß Nazi!« verzichten können. Aber vielleicht ist das genau jene Form von Extremismus, die sogenannte »Ausländer« ohne österreichischen Pass an den Tag legen, wenn sie einem Menschen begegnen, der ihre bloße Existenz nicht nur ablehnt, sondern am liebsten aus dem Land deportiert sehen möchte.

Wie dem auch sei: Die unangenehme Begegnung verleitete mich dazu, nicht etwa über Martin Sellner nachzudenken – eine solche Person ist unzweideutig in ihren Absichten und bedarf keiner weiteren Worte –, sondern zielgerichteter über Taten vonseiten der Zivilbevölkerung in gleichem Maße wie vonseiten der Politik. Was mich jedoch hochgradig verstörte, war die Reaktion des Kellners einer Institution, die ich in Wien immer nur als Teil eines anderen großen Austauschs wahrgenommen hatte, nämlich jenes zwischen Menschen unterschiedlichster Herkunft und Klasse, die im Wiener Kaffeehaus einen letzten der kapitalistischen Verwertungslogik zuwiderhandelnden Ort gefunden haben, in dem das Verweilen und Innehalten, das Zeitunglesen und die Diskussion darüber, das Beisammensein und das Gespräch der Schwere einer Geldbörse vorgezogen werden. Gewiss kann man einwenden, dass hier ein Widerspruch offenbar wird und auch ein Rassist und Menschenfeind in unserer liberalen Demokratie ein Recht auf Verweilen hat – dass dies etwas ist, das in einer Demokratie auszuhalten sei. Doch als jemand, der in einem nationalistisch autoritären System großgeworden ist, das sich bis heute durch demokratische Legitimation an der Macht hält, sehe ich es als meine primäre politische Pflicht, autoritäre, chauvinistische und nationalistische Tendenzen in der Gesellschaft nicht aushalten zu müssen. Ich erkenne in dieser Haltung keinen Extremismus, außer man will mir einen übertriebenen Antifaschismus sowie einen ausgeprägten Sinn fürs Wachsein vorwerfen – bitte!

Währenddessen hegt der Konformismus, der mit dem Versprechen einer liberalen bürgerlichen Lebensweise einhergeht und von dem sich auch Arbeiterinnen und Arbeiter haben einlullen lassen, das Langzeitgedächtnis ein, und auch ein Nazi, also jemand, der in der Vergangenheit die Deportation und Vernichtung von Mitmenschen nicht scheute, kann sich vor dem Plüsch unserer immer weiter sich selbst aushöhlenden demokratischen Institutionen als Opfer von jemandem inszenieren, der einfach nur seinen Kaffee trinken wollte in einem Raum, dessen Betreiber den Unterschied zwischen einem kleinen Braunen und einem gefährlichen Braunen kennen sollte.

So bleibt mir nichts anderes übrig, als in meiner angelernten Wiener Manier auf die Menschen zu schimpfen, die gar nicht mehr zu wissen scheinen, wo sie sich befinden, wenn sie ihren Kaffee schlürfen und ihre Punschkrapfen essen – welches Geschenk sie sich selbst und allen anderen mit der Etablierung des Wiener Kaffeehauses gemacht haben. Sie verweilen lieber in der Floskel vom Aushaltenmüssen in einer Demokratie, die in absehbarer Zukunft jenen wieder zur Macht verhelfen wird, die sie zutiefst verachten und schließlich erneut abschaffen werden, also ebenjenen, die unsere offenen Räume besetzen, um sie für ihre Zwecke umzudeuten. Dann wird es auch keine Kaffeehäuser mehr geben – weil niemand mehr die Teller abwaschen will.

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