Warning: A non-numeric value encountered in /var/www/vhosts/inzbraty.host257.checkdomain.de/tagebuch.at/wp-content/plugins/wp-simple-post-view/includes/postSimplePostView.php on line 78

Lauter Krisen und kein Sturz

von Jana Volkmann

NACHDRUCK #20 | Ein Rückblick auf die Erstausgabe des neuen TAGEBUCH.

Es ist keine sechseinhalb Jahre her, dass es das TAGEBUCH in seiner jetzigen Erscheinung erstmals zu lesen gab: Im Oktober 2019 ging die Erstausgabe an den Start, mit Selbstbewusstsein und großen Zielen, vor allem aber in dem Wissen, als entschieden linke Monatszeitschrift in Österreichs medialer Mondlandschaft so etwas wie eine Raumstation zu sein.

Ganz hinten in jeder Nummer findet sich seither die Rubrik »Tagebuch im Tagebuch«, die zu Archivalien gewordene Artikel aus dem Vorgängermedium (das von 1946 bis 1989 erst als »Österreichisches«, zuletzt als »Wiener Tagebuch« existierte) auf ihre – oft erstaunliche und mitunter erschreckende Aktualität – hin untersucht. Nun ist die Erstausgabe von 2019 längst selbst ein zeithistorisches Dokument geworden: Zeugnis einer Zeit, in der sich zwar am Horizont bereits manche Krisen abgezeichnet haben, das in den darauffolgenden Jahren losscheppernde, kakophone Krisenorchester aber keineswegs antizipiert werden konnte. Dass das erste Cover ausgerechnet den Titel Die kommende Krise trug, wirkt in der Rückschau jedenfalls zu einem Teil prophetisch, zu einem Teil ironisch. Die Titelgeschichte von Johannes Jäger extrapoliert aus den damals aktuellen Erhebungen zur wirtschaftlichen Lage und den Prognosen der Welthandelsorganisation ein Szenario für eine neue Wirtschaftskrise, keine drei Monate, ehe im chinesischen Wuhan zum ersten Mal eine Infektion mit einer neuen Lungenkrankheit gemeldet wurde. Trumps erste Amtszeit neigte sich dem Ende zu und eine zukünftige Wiederwahl schien selbst den humorvollsten Apokalyptiker:innen unwahrscheinlich.

Die kommende Krise der Weltwirtschaft konnte sich trotz der erratischen Akteur:innen auf den politischen Bühnen immerhin auf eines verlassen, nämlich auf eine vollkommen wahnwitzige Zollpolitik. Folglich schrumpft der Welthandel. Und während Degrowth sich als wirklich fantastische Idee zur Lösung allerhand Probleme geradezu aufdrängen würde (dazu lohnt es sich, Martin Konecnys Interview mit dem Philosophen Kohei Saito aus dem TAGEBUCH 10/2023 wieder zu lesen), scheint die Möglichkeit eines Systemsturzes, so der Titel von Saitos vielgelobtem Buch, weiter weg denn je.

Lukas Oberndorfer schrieb in der Erstausgabe in einem Kommentar zur damals anstehenden Regierungsbildung in Österreich von der »Vielfachkrise des Kapitalismus« – und äußerte darin auch etwas Seltenes und umso Wichtigeres, nämlich so etwas wie Zuversicht. Die gewann er aus den Donnerstagsdemos, der Klimaschutzbewegung, aber auch den Wahlerfolgen linker Politiker:innen. »All diese für sich genommen einzelnen Erhebungen könnten, sollten sie erst einmal zusammenwirken, eine Antithese zum bestehenden Status quo formulieren, die sich nicht mehr reaktionär wenden ließe«, schloss er. Und vielleicht ist es ja genau das, was wir von einer Vergangenheit erinnern sollten, die in der Rückschau wie eine Vorkrisenzeit wirkt: dass ein anderer Weltzustand denkbar ist – und realistischer, als es der Krisenclusterkapitalismus erscheinen lässt.

0

    Warenkorb

    Ihr Warenkorb ist leerZurück zum Shop