Im Wiener Tagebuch gab’s all die Jahre wenig über das Wiener Tagebuch zu lesen. Aber im ersten Heft im neuen Gewand, das ihm die Künstlerin Anna Peyrer geschneidert hatte, war eine ganze Druckseite lang einiges über das Blatt zu erfahren, in einem ungezeichneten Editorial, das Bekanntmachung, Selbstdarstellung und Appell in einem war.
Die Neuerungen betrafen eine Ausweitung der Redaktion (Chefredakteur Leopold Spira, der im selben Jahr 75 Jahre alt geworden war, würde ab sofort von einem fünfköpfigen Kollektiv unterstützt werden) sowie die Einstellung der wöchentlich erscheinenden Internationalen Presseschau, die mit Übersetzungen aus fremdsprachigen Zeitungen bis dahin das zweite Standbein des Wiener Tagebuch gewesen war.
Außerdem wurde auf den besonderen Charakter der Monatsschrift verwiesen, der sich darin offenbarte, dass seine Mitarbeiter – Frauen wie Männer – an so ziemlich allen revolutionären und antifaschistischen Kämpfen des 20. Jahrhunderts teilgenommen hatten. Nun waren sie in einem Alter, das eine »Stafettenübergabe« an die nächste Generation unerlässlich machte. »Nebeneinander gelaufen sind wir schon etliche Jahre lang. Deshalb wird sich, das versprechen wir, nichts zum Schlechteren wenden. Damit einiges besser wird, brauchen wir Zustimmung oder Kritik, Pfiffe oder Applaus – nur eines nicht: Gleichgültigkeit.«
Das Wiener Tagebuch sollte der Gleichgültigkeit noch ein ganzes Jahr widerstehen. Dann war für immer Schluss.
In eigener Sache
[...] Wir sind überzeugt, daß das »Wiener Tagebuch«, gemessen an seiner Bedeutung und Langlebigkeit (es erscheint samt seinen Vorläufern, dem »Österreichischen Tagebuch« und dem »Tagebuch«, schon seit 1946), vor allem im Inland zu wenig wahrgenommen wird. Das hat nicht nur mit seinen Qualitäten oder Mängeln zu tun, nicht nur mit österreichischen Zuständen, den Versuchen, diese Zeitschrift ohne Zeitgeist totzuschweigen oder samt ihrem Bemühen, sich gegen törichte Moden zu behaupten, ins publizistische Abseits zu stellen - wir haben es verabsäumt, unseren Leserkreis zu erweitern.
Und wir brauchen neue Leser nicht nur als geistige Auffrischung, sondern auch zum ökonomischen Überleben. Unsere finanzielle Basis ist durch den Tod so vieler »Freunde des Wiener Tagebuch« schmal geworden; wir wollen nicht in Schönheit sterben, weil wir glauben, daß die Zeitschrift nicht an eine bestimmte Generation gebunden ist, die wie Spira, Meisel, Lehr, Dorfer, Angerer, Rusch, Grünwald und ein langes Et cetera durch den Februar 34, den antifaschistischen Widerstand, Exil oder KZ, kapitalistische Restauration hie und Stalinismus da, die Hoffnungen auf einen demokratischen Sozialismus, das Verzweifeln über dessen gewaltsames Ende und die Skepsis an einer widersprüchlichen und vielfach naiven Grünbewegung geprägt wurde. Die Jüngeren unter uns (und von den Autoren und Autorinnen sind außer Spira fast alle zwei Generationen jünger) schreiben ja nicht zufällig hier - für sie, für uns, hält das »Wiener Tagebuch« ein historisches Gedächtnis wach, das nach Eduardo Galeano die Waffe der Völker ist. Trotzdem gibt es auch, zwischen der einen und der anderen Generation im »Wiener Tagebuch«, Unterschiede, die sich einer sang- und klanglosen Kontinuität versperren. Die »Alten« haben, im Guten wie im Bösen, Erfahrungen gemacht, die wir bestenfalls erahnen, aber nicht teilen können. Sie sind aufgrund ihres jahrzehntelangen politischen Kampfes »realpolitischer« und zugleich hoffnungsvoller, wir skeptischer und romantischer. Aber dieser Widerspruch ist, genau besehen, ein Glücksfall; das »Wiener Tagebuch« kann davon nur profitieren. [...]
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